Sell in May and go away?

Vermögensverwaltung · Insights

Sell in May and go away – sind Börsenweisheiten ein guter Ratgeber?

Kriege, Handelskonflikte, Inflation - die Gründe für einen Ausstieg klingen verlockend. Doch die Geschichte zeigt: Das grösste Risiko ist oft, nicht dabei zu sein.

Asio Finanz AG · Lesezeit ca. 5 Minuten · Juni 2026

"Sell in May and walk away" gehört zu den bekanntesten Börsenweisheiten überhaupt. Die Idee dahinter: Aktien im Frühling verkaufen, die Sommermonate meiden und erst im Herbst zurückkehren. In Jahren wie dem aktuellen scheint diese Regel besonders verlockend. Kriege, Handelskonflikte, hohe Staatsverschuldungen und die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft sorgen täglich für neue Schlagzeilen. 

Besonders die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten haben die Nervosität an den Finanzmärkten erhöht. Der immer noch schwelende Konflikt zwischen Iran und Israel sowie die wiederholten Drohungen und Einschränkungen des Schiffsverkehrs in der Strasse von Hormus haben die Sorge vor steigenden Energiepreisen und neuen Inflationsschüben verstärkt. Die Meerenge zählt zu den wichtigsten Transportwegen für Öl und Gas weltweit. Bereits die Unsicherheit über ihre Befahrbarkeit reicht aus, um Märkte zu bewegen.

Vor diesem Hintergrund stellen sich viele Anleger dieselbe Frage: Soll ich investiert bleiben oder ist es klüger, vorübergehend auszusteigen?

Die Geschichte lehrt Demut

Wer die vergangenen Jahrzehnte betrachtet, erkennt ein wiederkehrendes Muster. Nahezu jedes Jahr gab es gute Gründe, vorsichtig zu sein. Hier seien nur einige davon beispielhaft erwähnt:

2001
Terroranschläge vom
11. September

Einer der grössten Schocks für die Weltwirtschaft - die Märkte erholten sich und erreichten später neue Höchststände.

2008
Globale Finanzkrise

Der schlimmste Börseneinbruch seit der Grossen Depression. Wer investiert blieb, wurde langfristig belohnt.

2011
Eurokrise

Staatsschulden, drohende Staatspleiten, politische Lähmung - und dennoch folgte einer der längsten Bullenmärkte der Geschichte.

2020
COVID-Pandemie

Historischer Einbruch in wenigen Wochen - gefolgt von einer ebenso rasanten Erholung. Market Timing war so gut wie unmöglich. 

2022
Krieg in der Ukraine & Energiekrise

Die Energiepreise explodierten und die Inflation stieg auf Jahrzehnte-höchststände. Die Märkte verarbeiteten auch diesen Schock.

Heute
Konflikte im Nahen Osten

Die Schliessung der Strasse von Hormus, Handelsspannungen, geopolitische Unsicherheit - das Grundmuster wiederholt sich.

Auch rückblickend wirken viele dieser Ereignisse immer noch dramatisch. Dennoch haben sich die globalen Kapitalmärkte langfristig immer wieder erholt und neue Höchststände erreicht.

Das Problem für Anleger besteht darin, dass die Börse nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Zukunft blickt. Oft steigen die Märkte bereits wieder, während die Nachrichtenlage noch ausgesprochen negativ erscheint.

An den Börsen wird nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Zukunft. Wer auf völlige Sicherheit wartet, investiert meist zu spät.

ASIO FINANZ AG – Unabhängige Vermögensverwaltung, Winterthur

Das grösste Risiko ist oft, nicht investiert zu sein

Viele Anleger konzentrieren sich ausschliesslich auf die Risiken eines Kursrückgangs. Deutlich weniger Beachtung findet das Risiko, wichtige Marktphasen zu verpassen. Zahlreiche Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der langfristigen Renditen an wenigen besonders starken Börsentagen entsteht.

  • Market Timing ist nahezu unmöglich

    Man müsste nicht nur den richtigen Verkaufszeitpunkt treffen, sondern auch den optimalen Wiedereinstieg finden - beides zuverlässig zu treffen gelingt kaum jemandem.

  • Der verpasste Wiedereinstieg kostet Rendite

    Die meisten Anleger scheitern nicht daran, dass sie zu lange investiert bleiben. Sie scheitern daran, dass sie nach dem Ausstieg nicht mehr rechtzeitig zurückkehren.

  • Dividenden - der sichtbare Teil der Rendite 

    Wer nicht investiert ist, verzichtet nicht nur auf Kurschancen, sondern auch auf laufende Ausschüttungen. Reinvestierte Dividenden entfalten über Zeit einen erheblichen Zinseszinseffekt.

  • Häufige Strategiewechsel kosten Geld

    Höhere Transaktionskosten, ungünstige Ein- und Ausstiegszeitpunkte und eine geringere Anlagedisziplin führen in der Praxis fast immer zu einer tieferen Rendite.

Inflation - der stille Vermögensvernichter

Die Inflation ist in den letzten Jahren vorübergehend etwas in den Hintergrund gerückt. Viele Marktteilnehmer gehen davon aus, dass die Teuerung langfristig unter Kontrolle bleibt. Diese Annahme könnte sich jedoch als zu optimistisch erweisen. Deglobalisierung, geopolitische Spannungen, steigende Staatsverschuldungen, höhere Verteidigungsausgaben und die Transformation der Energiesysteme (Verknappung und Abkehr von fossilen Brennstoffen) sprechen dafür, dass Inflation in den kommenden Jahren wieder stärker an Bedeutung gewinnen könnte.

Wer sein Vermögen vollständig in Bargeld oder auf Konten hält, vermeidet kurzfristige Kursschwankungen. Dafür besteht ein anderes Risiko: der schleichende Verlust an Kaufkraft.

Rechenbeispiel: Kaufkraftverlust durch Inflation

Bei einer moderaten Inflationsrate von 1,5 % pro Jahr verliert ein Vermögen von CHF 1'000'000 innerhalb von 20 Jahren über einen Viertel seiner realen Kaufkraft.

CHF 1 Mio.
Kaufkraft heute
1,5 %
Inflation pro Jahr
CHF 743'000
Kaufkraft nach 20 Jahren

Gerade Sachwerte wie Unternehmen, Renditeimmobilien oder Infrastrukturanlagen besitzen langfristig die Eigenschaft, steigende Preise zumindest teilweise an Kunden, Mieter oder Nutzer weiterzugeben. Deshalb haben sich produktive Vermögenswerte historisch im Vergleich zu Liquidität als wirksamer Schutz gegen Inflation erwiesen.   

Inflation wirkt selten spektakulär. Gerade deshalb wird ihre Wirkung oft unterschätzt.

ASIO FINANZ AG – Unabhängige Vermögensverwaltung, Winterthur

Die Bedeutung von Dividenden

Ein weiterer Aspekt wird in turbulenten Marktphasen häufig übersehen: die laufenden Erträge. Dividenden bilden langfristig einen wesentlichen Bestandteil der Gesamtrendite von Aktienanlagen. Wer über längere Zeiträume nicht investiert ist, verzichtet nicht nur auf mögliche Kurssteigerungen, sondern auch auf laufende Ausschüttungen. 

Für viele Anleger - insbesondere im Ruhestand - sind Dividenden ein wichtiger Bestandteil des Einkommens. Gleichzeitig ermöglichen reinvestierte Dividenden einen erheblichen Zinseszinseffekt beim Vermögensaufbau.  

Dividenden sind der Teil der Rendite, den Anleger tatsächlich auf ihrem Konto sehen. Wer nicht investiert, verzichtet nicht nur auf Kurschancen, sondern auch auf laufende Erträge.

ASIO FINANZ AG – Unabhängige Vermögensverwaltung, Winterthur

Sollten Positionen in Krisenzeiten reduziert werden?

Die Antwort lautet: Es kommt auf die Ausgangssituation an. Wenn die aktuelle Vermögensstruktur nicht mehr zur Risikofähigkeit oder zu den Anlagezielen passt, kann eine Anpassung sinnvoll sein.

Nicht sinnvoll erscheint dagegen eine rein emotionale Reaktion auf aktuelle Schlagzeilen. Viele Anleger verkaufen in Krisenphasen genau dann, wenn die Unsicherheit bereits in den Kursen eingepreist ist. Oft erfolgt der Wiedereinstieg erst nach der deutlichen Erholung der Märkte.  

Die zentrale Frage sollte deshalb nicht lauten: "Was passiert in den nächsten drei Monaten" - sondern: "Passt meine Anlagestrategie weiterhin zu meinen langfristigen Zielen?"    


Unser Ansatz bei der Asio Finanz AG

Bei der Asio Finanz AG überprüfen wir regelmässig gemeinsam mit unseren Kunden, ob die gewählte Anlagestrategie weiterhin zu ihren langfristigen Zielen, ihrer Risikofähigkeit und ihren persönlichen Verhältnissen passt. Veränderungen im Leben - die bevorstehende Pensionierung, grössere Investitionen oder eine Erbschaft - können Anpassungen erforderlich machen. 

Was wir nicht anstreben, ist die kurzfristige Optimierung durch laufende Strategiewechsel aufgrund von Marktprognosen oder Schlagzeilen. Die Erfahrung zeigt: Häufige Änderungen schaffen langfristig selten Mehrwert. Oder wie es der amerikanische Börsenpionier Jack Bogle auf den Punkt brachte:    

The stock market is a giant distraction from the business of investing.

Jack Bogle – Gründer von Vanguard

Eine gute Strategie erkennt man nicht daran, dass sie jede Krise vermeidet oder jeder Börsenweisheit folgt. Man erkennt sie daran, dass sie auch Krisen übersteht. 
  

Passt Ihre Strategie noch zu Ihren Zielen?

Wir überprüfen gemeinsam mit Ihnen, ob Ihre Anlagestrategie langfristig trägt - unabhängig, klar und transparent.

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